Zugzwang

Es ist Morgen, ich wälze mich unter Stöhnen aus dem Bett und verweigere konsequent das Angebot, ins Büro gefahren zu werden. Ich fühle mich beim öffentlichen Verkehr wohl und dank extrem dichtem Fahrplan gibt es so gut wie keine Wartezeiten. Ich kann lesen, Leute beobachten und Musik hören, wenn ich nicht dauernd vergessen würde, meinen Walkman zu suchen und einzupacken. Und ich kann an Haltestellen oder Bahnhöfen durch Kioske und Läden stöbern, um die Stapel ungelesener Magazine zu Ausmassen wachsen lassen, die den Petronas-Towers die Neidesgrüne ins gebäudische Gesicht treibt. Guten Mutes verlasse ich also morgens das warme Bett, die warme Wohnung und mit dem Gedanken „Hüt isch es aber frisch“ den Gedanken an eine warme Realität. Ist ja nun nicht so, dass mir dieser Gedanke noch nie durch den Kopf geschossen wäre, ein paar Minuten später wird’s einem dann ja auch warm. Aber heute lief alles ein bisschen anders. Der Bus kam pünktlich, ich hatte meinen Sitzplatz und konnte lesen. Beim ersten Umsteigen fuhr mir das grüne Tram direkt vor der Fresse weg, aber das war ja noch okay, weil mit dem Zwanzignachsiebenbus passiert das immer. Also denke ich mir, dass auch das rote Tram seinen Zweck erfüllt und ich dann eben an einem anderen Bahnhof umsteige, als dem hauptigen. Das Tram fuhr los, ich hatte meinen Sitzplatz und konnte lesen. Dann am Stadelhofen umsteigen, kurz den Kiosk entern und nichts zu lesen finden, was ich nicht schon hatte, nicht wollte oder mir zu peinlich war. Weil es heute doch einen Tick kühler war als gedacht und weil meine Jacke zwar gut gegen Regen ist (es aber nicht regnet) aber nicht gegen Kälte (die war vorhanden), gönnte ich mir einen Coffee-to-go. Dann stand ich auf dem Perron (=Bahnsteig) und las. Aber nicht etwa eine Zeitschrift, sondern die Anschrift „ca. 15 Minuten Verspätung“.
Nun hatte sich meine Körpertemperatur schon ganz sachte reduziert, weil, wie ich später erfuhr, die Konkurrenz des Herrn Föhn, nämlich die Frau Bise heute tätig ist und deshalb ziemlich penetrant die Kleider mit kalter Luft penetriert. Fünfzehn Minuten sind ja nun noch nicht so tragisch, also ab in den nächsten Kiosk, man weiss ja nie. Am Wegesrand lag dann noch ein Postkarten- Schrägstrich Kalendershop, an dem ich natürlich nicht unbehelligend vorbeischlendern konnte und so brachte ich die Wartezeit auch rum. Zurück auf dem Perron (hat nichts mit Evita zu tun) kam dann die lautsprecherdurchsagte Änderung der Anschrift: „Unbestimmte Zeit Verspätung“. Lokomotive kaputt im Tunnel. Grundsätzlich kann ich von Zürich nach Arbeit drei verschiedene S-Bahnlinien benutzen. Murphymässig müssen die alle durch genau diesen speziellen Tunnel. Also Wechsel zur anderen Seite des Bahnhofs und Wechsel der Linie, um wenigstens zum Hauptbahnhof zu kommen, wo denn auch ein Bus in die gewünschte Richtung fahren würde. Also ab in den Zug, fünf Minuten kuscheliger Stehplatz in megamässiger Überfüllung (ja irgendwie müssen die Leute ja weiter), was aber nicht extrem zur Erhöhung der Hautflächenoberwärme beigetragen hat. Zürich. Ziemlich kalt. Aber die Frisur hält. Verspürte den dringenden Wunsch, eine tragbare Heizung zu kaufen oder mich zumindest in den Hintern zu treten, weil ich entgegen sonstigem Ritual nicht den Wetterbericht konsultiert hatte, um meine Kleidung den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Da kam dann aber die Durchsage, dass nun doch eine S-Bahn in meine Richtung fahren würde. Also rein und Sitzplatz und lesen. Grade als ich einigermassen warm wurde, musste ich natürlich wieder in die Luft raus und mich zur Bushaltestelle begeben, die ich eigentlich nur nutze, wenn sonst nichts mehr geht. Also wie heute. Erstaunlicherweise kam ich ohne Prügelei zu einem Sitzplatz (alte Frauen wegschubsen gilt nicht als Prügel) und konnte fast zwei Stationen weit lesen. Hat sich nur keine(r) neben mich gesetzt, das wäre bestimmt wärmer gewesen. Nach einer Stunde und vierzig Minuten sitze ich jetzt aber doch im Büro, habe kalte Füsse und freue mich auf meinen Tee. Eine Stunde länger als sonst. Zumindest weiss ich jetzt, wie sich Odysseus damals gefühlt hat. Unter Berücksichtigung der Unterschiede in den Punkten lesen und frieren. Und Schiffchen fahren. Und notgeile zaubernde Weiber. Kann man sich jetzt fragen, wer schlimmer dran war.

Aktuell im Ohr: noch nichts, kommt aber gleich