Tja, Ikarus, das war wohl nix

Ich habe Drachen gesehen. Nicht Drachen mit Feuerspeien, weil man ein kleines Bisschen auf Drogen ist, sondern die bunten Papier- oder Plastikdrachen, die man steigen lassen kann. Wenn man es kann. Als Kind wollte ich das auch immer machen, allerdings krankte das an dem Fehlen eines ebensolchen. Mein Vater bot dann an, mir einen zu bauen, weil die im Handel erhältlichen Produkte einerseits zu teuer und andererseits technisch sowieso unausgereift seien. Überhaupt sei es viel besser, etwas selber gemachtes zu haben, das sticht heraus und ist etwas Besonderes. Das leuchtete meinem Kindergeist damals noch durchaus ein, nur hatte ich wohl vergessen, dass mein Dad beim Basteln ein Verfechter der erstklassigen Stabilität war. Wenn ich mich jetzt an diesen einen Zaun erinnere, den er bei Bekannten ums Ferienhaus gezogen hat, dann hätte mir damals schon schwanen sollen, dass der geplante Drachen MINIMAL anders ausfallen würde als von mir gedacht. Den Zaun hat er nämlich so in den Boden getackert, stabilisiert und verstrebt, dass sogar ein Panzer lieber aussenrum gefahren wäre. Das Teil war stabil! Das war dann der Drachen auch. Der hätte beim Absturz locker ein Hausdach durchschlagen. Oder den Besitzer eines gekauften Fluginstruments. Wenn er denn jemals geflogen wäre. Nur war das Holzkreuz in der Mitte leider unwesentlich zu schwer und da in unseren Breitengraden nur selten Orkane toben musste ich wohl oder übel dieses Vorhaben als unerledigt zu den Akten packen. Ich hab ihn einfach nicht hoch gekriegt.
Aber ich wollte mich nicht einfach so geschlagen geben und bei Gelegenheit doch noch in die Luft gehen. Die Möglichkeit bot sich, als wir im Bastelunterricht in der Schule einen Heissluftballon bauen sollten. Das lief so ab, dass wir aus ganz dünnem Draht ein zylindrisches Gerüst zusammenfreimelten und dieses dann mit Seidenpapier überzogen. Sah irgendwie aus wie ein grosses Papierkondom. Unten in der Mitte kam dann ein Drahtkreuz hin, an welchem ein mit Brennsprit getränkter Wattebausch befestigt wurde. An einem schönen, fast windstillen Tag stiefelte unsere Klasse mit mehreren solchen Konstruktionen auf unseren Sportplatz und liessen sie fliegen. Hochheben, Watte anzünden, warten, bis die Luft im Ballon genug aufgeheizt war und dann steigen lassen. Einer schaffte es dreihundert Meter weit über den angrenzenden Acker. Das war aber nicht meiner. Meiner machte Bekanntschaft mit dem einzigen Windstoss, der stark genug war, den Ballon nicht nur seitlich zu bewegen, sondern den oberen Teil so weit über die Flamme zu bewegen, dass das komplette Gebilde innerhalb fünf Sekunden abfackelte. SWOOSH! Immerhin habe ich dabei nicht meinen damaligen Schulschwarm in Brand gesetzt. Eigentlich finde ich es doch sehr mutig, dass ich mich heutzutage trotz traumatischer Flugerfahrungen immer noch in Flugzeuge setze. Nur nicht in Ballone oder Drachen.

Aktuell im Ohr: U2 – Streets White Label