Smalltown Boy

In einer kleinen Stadt tickt die Zeit anders. Kleiner. Langsamer. Einfach nicht so wie in der grossen Stadt. In der Schweiz, dem kleinen Land, geht auch alles ein bisschen langsamer. Wir regen uns in der Regel viel langsamer auf. Und wenn, dann über Kleinigkeiten, die man in anderen Ländern noch nicht einmal als solche erkennt. Thema Verspätungen: In Deutschland ist man froh, wenn ein Zug weniger als dreissig Minuten zu spät kommt. In England ist man froh, wenn man nicht im Zug sitzt, der die Verspätung produziert und mitten in der Pampa einfach eine halbe Stunde stehen bleibt. In Italien ist man froh, wenn überhaupt ein Zug KOMMT, weil die Nasen schon wieder streiken. In der Schweiz steht der Schweizer auf dem Bahnsteig (dem Perron – ein schönes, französisch klingendes Wort, das aber in Frankreich keine Sau kennt), sieht auf die Uhr und flucht wie ein Wald voller Affen, weil der Zug zwei oder drei MINUTEN verspätet ist. Heisst das nun, dass meine Einleitung falsch ist und die Uhren eigentlich doch schneller ticken? Egal, das ist mir jetzt selber zu hoch, eigentlich ging es mir ja um kleine Städte. Nein, falsch, eigentlich ging es mir um Dörfer, aber da muss mir beim Anfang etwas durch die Gehirnwindungen gewieselt sein, was kurzzeitig für Verwirrung sorgte. Also: Dorf. Genauer gesagt, eines in der näheren Umgebung. Beim Durchfahren desselben ging mir Gestern eine Augenbraue in die Höhe, weil ich mich ein kleines Bisschen gewundert habe. Da standen Warndreiecke mit der Aufschrift „Feuerwehr“ am Strassenrand, diese kleinen orangen Hütchen standen in der Strassenmitte (Haben die eigentlich auch einen Namen? Ich meine ausser „kleine orange Hütchen“?) und ein orange gewandeter Feuerherr in Firewear winkte uns weiter. Das allein wäre ja noch kein Grund für Verwunderung, Feuerwehrübungen gibt es in den meisten Orten. Dörfern. Städten. Ländern. Grossen und kleinen. Aber, am Ende der Strasse, in einer Kurve, direkt hinter ein paar Geranienkübeln sassen, mit bestem Ausblick auf die Strassenkreuzung und die Übung einige Dorfbewohner. Auf Klappstühlen. Wie holländische Touristen auf dem Pannenstreifen oder in den SOS-Nischen der Alpentunnel. Sassen also da und warteten auf die Show.
Sollte ich mich vertan haben und die Dörfler sind gar nicht so dörflich? Wäre es lohnenswert gewesen anzuhalten und das Spektakel mitzuverfolgen? Ich stellte mir das bis anhin ja so vor, dass der am pyromanischsten Veranlagte der Truppe einen Molotov-Cocktail in ein Wohnhaus wirft (um des Realismusses willen) und dann bimmelt die ganze Horde an und macht die heiss gemachte Bude nass. Kommen wir auf die Show zurück und kreuzen die Gebäudebewässerung entweder mit Zirkus oder besser mit dem Christopher Street Day. Fireworker Street Day. Als erstes macht die Nachwuchstruppe in knallroten Latex-Hotpants und mit rosanen Flauschepompoms eine Village People (Dörfler, ich sag’s doch…) Choreographie, dann fährt die Löscheinheit auf geschmückten Feuerwehrautos vor, packt die harten Schläuche aus und dann machen sich alle gegenseitig nass. Zum Schluss bezieht man die Zuschauer mit ein und startet eine grosse Löschschaumparty, während dramatisch und voll fotogen im Hintergrund das Haus abbrennt und diese einzigartig schmalzige Vom-Winde-verweht-Atmosphäre rüberbringt. An der Aftershowfete wird Prosecco aus Feuerlöschern verteilt und der Einsatzleiter zeigt interessierten Zuschauern, was man sonst noch so mit einer Feuerspritze anstellen kann. Wahrscheinlich geht ja nur meine Phantasie mit mir durch. Aber ich könnt wetten, da hat jemand Getränke und Grillwürstchen verkauft bei dieser Übung. Grill? Feuer? Die werden doch nicht…

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