Das "Tage"-Buch historisch und hysterisch
Die ollen Krümel von früher
Ist es einem gestattet, über das Personalrestaurant zu lästern, in dem man jeden Tag isst? Ich finde: JA. Obwohl man ja so sagt, man solle die Hand, die einen füttert, nicht beissen. Aber ich beisse ja auch nicht den netten Herrn mit der Schöpfkelle (ist das dann eigentlich „Der Schöpfer“?), sondern äussere mich halt bloss. Ich weiss, ich gehe da freiwillig hin, schliesslich ist es eine Kanntine und keine Musstine. Aber ein bisschen Mühe darf man sich schon geben, auch wenn nur die innerhäusischen Menschen da essen gehen. Was mir nicht passt? Zum Beispiel das Wandgemälde. Von einem echten Künstler! So einer muss einach Künstler sein, denn es IST eine Kunst, so einen Schwachsinn wie da an der Wand pappt VERKAUFEN zu können. Ein Geschliere und Geschmiere, dass ich mich immer mit dem Rücken zur Wand setzen muss, weil ich sonst schlicht in den Teller kotzen müsste. Essen ist an und für sich Genuss, aber wenn das Auge ja angeblich mit isst, dann ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass der Maler sonst nur Kantinen von Blindenheimen oder Tunnelinnenseiten bemalt. Schlimm sowas. Aber was das mit der eigentlichen Unzufriedenheit zu tun hat? Nichts im engeren Sinne, ich wollte es nur gelegentlich loswerden. Ansonsten? Dass ich ein Stück Braten bekomme, das so trocken ist, dass ich es mit Kartoffeln runterspülen muss. Mit trockenen Kartoffelwürfelchen. Ohne Sauce. An der Sahara lutschen ist ohne Zweifel ein erfrischendes Erleben der absoluten Feuchtigkeit im Vergleich zu dem dehydrierten Stück, das auf meinem Teller lag. Ob das bei längerem Liegenlassen zerfällt und dann auf dem Teller eine kleine Düne bildet? Vielleicht sollten wir in die Küche wandern und dem Koch Supportentzug androhen, wenn er weiterhin jegliches Feuchtigkeitsmolekül aus unserem Mittagsfleisch enfernt. Oder wir holen uns auf der Abteilung Spritzen und hauchen den ausgenuckelten Steaks auf diesem Weg neue Verzehrfähigkeit ein.
Wenn wir grad bei Verzehrung sind, da fällt mir Wegzehrung ein. Also wenn ich mir unterwegs etwas für unterwegs hole. Ich stelle mich also an einen der Stände (egal was, ist immer wieder reproduzierbar) und verlange, wonach es mich zu diesem Zeitpunkt kulinarisch gelüstet. Zum Beispiel: „Einen Nussgipfel bitte, zum gleich essen“, damit ihn die Bedientrulla nicht extra einpackt und deswegen ein weiterer Baum sterben muss. Schliesslich werden zu Weihnachten noch genug Bäumchen niedergemetzelt, aber das hatten wir schon. Also packt sie einen Nussgipfel mit der Operationszange und entfernt ihn von seinen Artverwandten. Dann greift sie mit der anderen Hand nach einer Papiertüte und ich sag nochmal, dass sie ihn nicht einzupacken braucht. Dass ich das Ding sofort töten werde. Aber was macht sie? Sie schaltet auf Durchzug, schliesslich muss man ja nicht etwas, was man schon so oft getan hat, aus einem sinnvollen Grund plötzlich anders machen. Aber was soll das? Will sie dem Nussgipfel künstlich das Leben verlängern? Schliesst sie ihn nach einmal Abbeissen ans Lebenserhaltungssystem für komatöses Gebäck an? Oder denkt sie, dass er friert? Darf ich ihn nicht anfassen? Was soll das also? Ich weiss: Die wollen den Kunden an sich verscheissern, das ist es. Mit Absicht und boshaft. Wi sonst wäre es zu erklären, dass ich zwar den Nussgipfel zum Sofortessen eingetütet kriege, aber der Apple Pie zum Mitnehmen so lausig eingepackt wird, dass er mir innerhalb fünf Minuten die Tasche eingesaut hat und mein Laptop nach Apfel&Zimt riecht? Eben.