Energischer Ausdruckstanz

Da ist doch tatsächlich das Wochenende mit Street Parade und unzähligen Parties doch schon wieder um. Vorbei. Nachdem letztes Jahr das einzige Mal schlechtes Wetter war seit Beginn vor zwölf Jahren, meldete sich die schönste aller Paraden mit einem Wetter zurück, dass die Pore platzt. Irgendwie wollte der olle Petrus wohl die vergessenen Celsiüschen von letztem Mal wieder aufwiegen und beglückte diesmal die knappe Million Hüpfer mit 35 Grad. Im Schatten. Ja sind wir in den Tropen oder was? Nachteil: Hitzschläge, Schweiss knietief. Vorteil: kaum mehr Klamotten an den Leuten. Was zeitweise wiederum ein Nachteil sein kann. Ich habe mich nachmittags vornehm zurück gehalten, da ich für den Abend traditionell Tickets für die Energy hatte und mich nicht per Hitzestau auf die Tragbahre von wildfremden Sanitätern begeben wollte. Mein Kilt wollte schliesslich auch wieder einmal ausgeführt werden und endlich ist der wieder gleich wenig Massenbekleidungsware wie vor zehn Jahren. Beruhigend. Oder ultra-out. Zumindest so eingebürgert, dass nicht mehr JEDER, der vorbeigeht, fragt: „Und was hast du drunter? Hähähä“. Superspruch. DAS muss man sich als Frau wenigstens nicht dauernd anhören. Einmal kam die Frage dann doch noch. Antwort auf sowas: „Einen Dudelsack“. Mögliche Erweiterung: „Und wenn man bläst, dann mach ich Geräusche“. Ist allerdings nich tin jeder Situation unbedingt angebracht. Also ab zur Änääärtschiii Tuuusausändsrrriiiiiiii mit den wohl sinnlosesten MC’s (MC = Master of Ceremony, hier allerdings eher Mega-Cretin).
Warteschlange. Vor mir RAndy, dann RAndytochter, dann RAndytochterfreundin, dann ich. Irgendjemand hat den lustigen Vorschlag gemacht, wenn es beim Eingang Probleme gäbe von wegen ALter der Mädels, dann könnten wir ja sagen, dass die beiden Fünfzehner jeweils eine unserer Töchter sei. Beim Cheffe wär das ja sogar noch gegangen, der ist ja alt genug, dachte ich. Dann ging mir erschreckenderweise auf, dass ich AUCH alt genug wäre, um eine fünfzehnjährige Tochter zu haben. Leicht schockiert begaben wir uns aufs Gelände und irgendeine Frau verteilte irgendwas umsonstenes. Ich drehte mich um und sah, dass 75 Prozent unseres Quartetts Kondompäckchen in den Händen hielten. Der alte Mann und die Kinder! UND ICH? NICHTS! Seh ich denn so schlimm aus, häh? Meine Frustrationsstufe senkte sich kurz darauf wieder. Ein wuscheliger Franzmann nahm von meinem Look her wohl an, man könne bei mir Ecstasy kaufen, was ich ihm allerdings als Trugschluss klar machen musste. Wenigstens wusste ich da, ich geh noch als Partybesucher durch und nicht als Volksschullehrer. Jedenfalls sind wir dann noch gut abgehottet für ein paar Stunden, liessen die beiden Mäsels wünschen, sie wären an jedwedem Platz nur nicht hier und haben uns gut amüsiert. Vor allem der Leute wegen. Eine hohe Konzentration von Menschen steigert automatisch die potenzielle Anzahl von Deppen. Der Tittengaffer zum Beispiel: tänzelt mit nicht blinzelnden Augen dauernd um unsere „Töchter“ rum, starrt ihnen sonstwohin und lässt sich nur davon abbringen, indem man sich zwischen ihn und sie tänzelt und ihm strafend in die Augen blickt. Nach dem zweiten Mal senkt er den Blick und schleicht sich. Mini-Hulk: den ganzen Oberkörper grün anmalen und dabei denken, man wirkt dadurch stärker ist ein Irrtum. Drei Jahre Training vorher könnten zumindest den optischen Eindruck von Stärke erwecken. Wie beim Muskeltänzer schräg vorne, der mit den Latex-Hotpants und dem Nippelpiercing, bei dem Tanzen einzig aus stossenden Hüftbewegungen besteht. Black und Decker lassen grüssen. Techno-„Tanzen“ ist ja ein gewisses Faszinosum, da gibt es keine konkreten Regeln, man kann sich ja körperlich (mehr oder weniger) äussern, wie man mag. Vor mir stand (richtig, die Füsse ruhend) stand so ein Jüngelchen, der hatte konsequent einen weinerlichen Augenaufschlag, eine gerunzelte Stirn und bewegte seine kleinen Fäustchen in kleinen Bewegungen auf und ab, als ob er dauernd sagen wollte: „Ich will jetzt meinen Kindersirup! Jetzt! Jetzt! Sonst wein‘ ich!“. Möglicherweise war das ja der Bub, den zwei sehr konservativ gekleidete Eltern draussen suchten. Die trugen so Armbändchen (wahrscheinlich ein spezielles Eltern-Passierband, weil die kaum normalen Eintritt zahlen) und irrten hinter einem Security-Menschen her, ganz entsetzten Gesichtsausdruck aufgemint, sich halb übergeben unter der Vorstellung, dass gemeinsame Fleisch ihrer Lenden tummelt sich an einem solchen Ort der Dekadenz. Wahrscheinlich war das dann die heisseste Braut mit den knappsten Fummeln, die am ganzen Anlass zu sehen war. Dunkle Wasser gründen bekanntlich tief. Lustige Sachen sah man, wirklich. Eigentlich wären wir gerne noch viel länger geblieben, aber die Hälfte unseres Grüppchens war müde, wollte nach Hause und hatte wehe Füsse. Das Alter halt. Diese jungen Leute von heute vertragen einfach nichts mehr. Haben wir die Mädels halt nach Hause gebracht. Dafür erschrecken Chef und ich heute Leute im Büro durch Armwedeln und rhythmischem Herumgehopse. Die nennen das Nachwirkungen. Wir nennen es Spass. Wir haben Recht. Wir haben Chef auf unserer Seite.

Aktuell im Ohr: Gekreische aus einem Billiglautsprecher