Fingerfertigkeiten und weisse Flüssigkeit

Nach verschiedenen Denkanstössen in Richtung Schreiboptimierung habe ich mir einen aktuellen Tipptrainer zugelegt und ihn installiert. Bisher war ich nur schlicht noch nicht betrunken genug, um mich damit ernsthaft zu befassen. Aber ich denke schon, dass es Vorzüge gibt, wenn man im Zehnfingersystem tippen kann. Möglicherweise wären meine Texte dann ja wirklich schneller fertig. Was mich abhält ist irgendwo traumatisch in der Vergangenheit begraben und begründet, nehme ich der Ausrede halber an. Meine Nemesis von damals in der Schule hiess: Mechanische Schreibmaschine. Von uns liebevoll Hackbrett genannt. Nun sollten wir Siebt- oder Achtklässler also an diesen Fingerfolterinstrumenten, entsprungen aus lehrtechnischen Inquisitionsgedanken, schreiben lernen. Wie nun jeder weiss sind die Fertigkeiten, beziehungsweise die Kraftabgaben verschiedener Finger nicht unbedingt identisch. Wenn ich also mit dem kleinen Finger (als Beispiel der Rechte) eine Taste drücken musste, die möglichst weit vom Ausgangspunkt entfernt war und den Finger auch noch in einem anatomisch ungünstigen Winkel absenken musste, dann wurde der Buchstaben eher aufs Papier gefurzt als getippt. Also mit gleichem besagten Finger versuchen, die Rücktaste zu erreichen, dabei krampfartige Verrenkungen machen, weil diese Taste NOCH verdammt weiter weg angeordnet worden war. Gut, eine Stelle zurück. Nochmal. Wieder zu schwach. Wenn keiner zusieht Rücktaste mit dem Zeigefinger betätigen und durch Säuernis angestachelt den geünschten Buchstaben gleich auch nochmal antipp… hauen. Ergebnis: Ein sehr heftig auf dem Papier hinterlassener Buchstaben (heute würde man sagen, der ist halt Fettschrift). Am Seitenrad das Papier hochdrehen (um 5 Zähne) und Tipp-Ex vorsichtig auftragen, so krass soll das ja nicht auffallen. Fluchen. Papier zurückdrehen (um 6 Zähne, weil man es vergessen hat). Buchstaben neu tippen (diesmal gleich mit dem Zeigefinger) und feststellen, dass zwar die Druckstärke im globalen Gesamtbild optimal ist, nur halt AN DER FUCKING FALSCHEN STELLE! Hochdrehen, Tipp-Ex einsetzen. Dieses Mal die Anzahl Zähne zurückdrehen, die man vorher hochgedreht hat. Buchstaben neu tippen. Feststellen, dass die Position optimal ist, aber FUCKING TIPP-EX NOCH NICHT TROCKEN! So konnte man locker Blindenschrift schreiben ohne Braille zu kennen. Rausreissen des Papiers aus der Walze. Dabei Zerreissen des Papiers in Walze, gleichzeitiges Herausziehen des Farbbandes verursachen. In Tränen ausbrechen. Stunden später… Endlich haben wir besagtes Dokument fertig geschrieben, um dann zu bemerken, dass so ziemlich genau in der Mitte ein halber Satz fehlt/falsch geschrieben ist/überzählig ist. Mit Kopf auf Tischplatte schlagen. Neues Blatt Papier einspannen. Das Ganze von vorn. Da soll mir noch jemand sagen Schreiben am Computer sei mühsam. Man haut sich auch die Hämmerchen nicht auf die Finger, wenn man ein (modernes) Tipp-Ex-Blättchen an Position hält. Oder verschmiert sich die Finger, wenn man die Anschlaghämmerchen, die sich zu lieb haben voneinander trennt. Nun gut, weiter. Zur Vermeidung von Fehlern durch muskeltechnisch nicht optimierte Feingliedmassen an den Händen direkter Einsatz von aufeinander abgestimmten Zeigefingern. Feststellen, dass diese Methode schneller und sicherer zum Ziel führt. Diese Variante die nächsten zwanzig Jahre beibehalten und optimieren, nebenbei Trauma kultivieren. Ich glaube nicht, dass ich nicht mit zehn Fingern tippen KANN. Ich fürchte mich einfach davor. Auch wenn ich eine Rechtschreib- und Grammatikprüfung habe und der Drucker alle Buchstaben gleich gut zu Papier bringt. Obwohl. Tut er das? Kann ich eine Lupe haben? Und was wurde eigentlich aus der Tipp-Ex-Firma?

Aktuell im Ohr: Blackstreet – No Diggity