Meine Fresse, Erotikmesse

Ich gehe für meine Leser gerne dort hin, wo es weh tun müsste. So auch dieses Wochenende, als in Zürich die Extasia04 stattfand, eine die grösste Messe für Erotik in der Schweiz.
Früchtchen sind gesund und lecker Drei Tage lang wurde in einer Eventhalle dem hüllenlosen Treiben gehuldigt, das niemand guckt, kauft oder überhaupt davon gehört hat. In weiser Voraussicht habe ich den Samstagnachmittag als Besuchszeitpunkt gewählt, denn da rechnete ich mit den wenigsten Besuchern und demzufolge den kleinsten Chancen, etwelchen Nachbarn oder Arbeitskollegen zu begegnen. Wenig Besucher war leider nicht, schon am hellheiteren Nachmittag war es so voll wie Dolly Busters Bluse. Trotz des gepfefferten Eintrittspreises von 45 Franken. Willkommen in Dekadenzia.

Also an den Freigeifernden vorbei (das sind die, welche draussen an der Scheibe leckten an der einen Stelle wo man zu einem kleinen Showbühnchen sehen konnte), abzocken lassen und die ersten drei Plastiktüten mit Kontaktmagazinen in die Hand gedrückt bekommen. Kaum drin und schon die Hände voll, wie sollte ich den da die Kamera noch festhalten? Eigentlich egal, denn jedesmal WENN eine mehr oder weniger bekleidete Frau durch die Menge stolzierte, war sie sofort von Dutzenden Fotografenständern umgeben und ich meine jetzt NICHT Stative. Bei diesem Anlass wurden unzählige Showgirls vorgekarrt, damit sich nicht alles nur auf die Pop-Stars konzentrierte. Wie zum Beispiel das Früchtchen auf dem Bild hier. Ein Airbrusher – ein Luftbürster also, sprich ein Farbonanierer – sprühte im Akkord die Äpfel megavieler Damen zu Kirschen um, weil halt eines der Magazine Cherry heisst. Originelle Idee. Ich hätte gern auch die Arschbacke mit dem Schriftzug präsentiert, allerdings hüpfte mir da dauernd ein fetter kleiner Mann vor die Linse.

Der hatte dann auch noch die Frechheit und wollte sich von mir seine neue Digicam erklären lassen. Keine Chance. Der meckerte dann auch noch die ganze Zeit, wie langsam seine Cam sei. „Eh weisst du, voll langsam Kamera! Hab ich da gehabt Schnitte vor mich, hat gemacht Beine breit und ich kniips und Kamera macht nischt. Dann dreht um und Kamera macht kniips! Voll Scheisse, sehe gar nix!“ So ein Pech. Aber die Besucher (18000 an den drei Tagen) waren bunt gemischt, zwar überwiegend männlich, aber doch entfernt vom klischeehaften Notgeilen. Viele Junge (die wahrscheinlich endlich mal eine Frau aus der Nähe und nicht bloss im Internet sehen wollten und überraschend viele Frauen. Die waren weniger bei den Gazongilliarden Filmen zu finden als bei den „Tooooyyys“. Die meisten suchten da wohl nach einem handyfreien Vibrationsalarm. Gab es, in allen Farben, Formen und Grössen. Sogar als Teddybär verkleidet.

Zur musikalischen Auflockerung hat man eine Band namens Erocktica eingeflogen, die wohl eher weniger durch musische Leistungen, denn durch frei schwingenden Ausdruckstanz den Bühnengraben zum pulsieren brachten. Hab ich leider verpasst, denn die ganze testosterongeschwängerte Luft war irgendwann auch mal zu viel. Die „Polizistin“ wollte mich nicht verhaften und der aus dem Publikum auf die Bühne geholte Strip-Show-Unterstützer versuchte sich dauernd wieder anzuziehen wenn die Stripperin wieder von ihm abliess und da entschloss ich mich dann zu gehen. Seit diesem Tag hat auch der Begriff „After Show Party“ (die im Anschluss stattfand) eine GANZ neue Perspektive bekommen.

Wenn aber schon dekadent, dann auch zum Abschluss und nach Monaten habe ich mir bei Sprüngli die Collection Truffes Grand Cru gegönnt. Sechzehn Pralinen für 26 Franken, je vier aus vier ganz extraordinairen Kakaoanbauregionen, ausgestattet mit Booklet, in dme Herkunft, Geschmacksnuancen und geschmackliche Abgangstöne erläutert werden. Zuerst dachte ich ja, der Preis werde abgeleitet davon, dass die Dinger nicht mit Kakao sondern mit dunkelbraun gefärbtem Koks bestäubt wurden. Ist nicht so. Schmecken edelst lecker, muss ich sagen. Nur das braune Zeugs geht so schwer wieder von der Nase weg.

Aktuell im Ohr: Rosenstolz – Die Liebe ist tot