Vergangenheitsbewältigung

Spontan forderte kürzlich eine mich anspringende Assoziation meine eingerosteten Langzeitgedächtnis-Synapsen heraus. Ich kann nicht mehr sagen, was genau der Ursprung war, aber zumindest dessen Resultat. Ich dachte plötzlich wieder an Poesiealben. Nun wird sich wahrscheinlich die neuzeitliche Generation @ fragen, was denn das bitte sein soll. Ich könnte noch nicht einmal sagen, ob das ein länderspezifisches Phänomen war. Zur Aufklärung: Ein Poesiealbum war ein (meist von Mädchen geführtes) kleines Album, ähnlich von Grösse und Beschaffenheit wie ein Tagebuch. Dieses wurde dann zu Erinnerungszwecken herumgereicht, damit man sich mit Bildchen, Zeichnungen, Texten und Gedichten darin verewigen möge. Eigentlich ging es wohl nur darum, mit dem grossen Schwarm in Kontakt zu und etwas Persönliches von ihm zu be-kommen. Oder es ging darum, es später stundenlang anzustarren oder für Voodoo- oder Hexenrituale zu missbrauchen. Die ganzen anderen Leute bekamen es also eher als Alibiübung, damit sich Girlie rausreden konnte, dass es eigentlich nicht bloss um die feuchten Träume früher Jugend ging, sondern weil man halt alle so lieb hatte. Immer aber gab es diese paar Leute in der Klasse, denen man es halt geben MUSSTE, weil, ja weil man es ihnen aus frühsozialtechnischen Überlegungen heraus nicht verweigern konnte. Ich war wohl einer von denen.

Halt, halt, bevor jetzt alle beim Lesen ein mitleidiges OOOOOOOOOOOOOOOOH absondern, damals war mir das durchaus egal. Ich konnte damit leben. Einstellungsbedingt habe ich mir aber trotzdem immer sehr Mühe gegeben mit Selbstgedichtetem oder individuellen Zeichnungen: da gab man sich noch Mühe. Heute wären Poesiealben ja durch MMS-Handys oder PDA’s abgelöst und man bräuchte auch kein digitales Album mehr rumzureichen. Neuer Technik sei Dank kann man das auf dem kabellosen Weg sofort übertragen und Girlie muss noch nicht mal mehr infrarot werden. Was aus all diesen Büchern geworden ist, das wär durchaus spannend zu wissen. Aber ich kann mich nicht mehr wirklich daran erinnern, bei wem ich da je was reingemalt habe. Hat mich ja zwecks Alibieintrag (OOOOOOOOOOOOOOH) auch nie interessiert. Erst später hat mich dann doch etwas beschäftigt: Beim Flaschendrehen gehörte ich auch nicht zu den Wunschkandidaten. Da waren Sportler bevorzugt. Die Coolen halt. Die geilen Typen. Wie ich die damals aber sowas von nicht ausstehen konnte. Was aus DENEN geworden ist, das würde mich… Nein, eigentlich nicht. Nachdem ich gelesen habe, dass einer davon mit einer ehemaligen Big Brother-Kandidatin was hat, da bin ich dann doch froh, dass ich beim Flaschendrehen übergangen wurde und aus mir was geworden ist. Und dass meine Freundin nur VOR dem Fernseher labert und nicht DRIN.

Aktuell im Ohr: U2 – I Still Haven’t Found What I’m Looking For

4 Comments on “Vergangenheitsbewältigung

  1. Ich hab meistens diesen langweiligen Standardspruch in diese grässlichen Poesiealben (ich hatte natürlich auch so eins) geschrieben: "Lebe glücklich, lebe froh, wie der König Salomo, der auf seinem Throne sass und verfaulte Äpfel ass".
    Ist mir heute noch peinlich.
    Wenn man die Dinger durchblätterte, stellte man fest, dass ca. 90 % der Einträge die Salomo-Texte waren, nur in 30 verschiedenen Versionen. Manchmal, wenn ich nicht wusste, was ich schreiben sollte, hab ich einfach einen bereits eingetragenen Spruch, der weiter vorne im Album zu finden war, abgeschrieben. Ich dachte man merkt es nicht, weil schon so viele Einträge drin standen.
    Das nenn ich mal originell.

  2. Uh, bei uns in der Gegend war das ganz schlimm. Ich hatte insgesamt drei von den Dingern. Für jede Schule eines und alle wurden voll. Die müßten eigentlich auch noch irgendwo rumliegen. Muss ich glatt mal danach suchen *g*

  3. Uh, bei uns in der Gegend war das ganz schlimm. Ich hatte insgesamt drei von den Dingern. Für jede Schule eines und alle wurden voll. Die müßten eigentlich auch noch irgendwo rumliegen. Muss ich glatt mal danach suchen *g*

  4. Natürlich hatte ich die auch… Aber ich glaube mittlerweilen sind diese Alben Geschichte…

    Das einzige woran ich mich noch erinnern kann, ist, dass mir eines mal total verunstaltet wurde! So mit Teufelchen auf den Fotos und schmutzigem Gekribble über die ganzen Seiten :-(.

    Ich war halt eine von denen, die andere Poesiealben nur als Alibiübung erhielten, aber trotzdem unbedingt auch ein eigenes führen wollten… (OOOOOH..) ;-).