Das "Tage"-Buch historisch und hysterisch
Die ollen Krümel von früher
Im Mediamarkt sitzt eine Frau mitten in der Ausstellung zwischen Kaffeemaschinen und Kühlboxen und stillt ihr Kind. Im momentären Mikrokosmos um diese Szenerie ploppen Gedankenblasen bei beteiligten oder vorbei gehenden Leuten auf. Der männliche Passant denkt: „Pfui, bääh!“ oder „Da würd‘ ich jetzt auch gern dran nuckeln“. Die weibliche Passantin denkt: „Also sowas! Das würde ICH so hier NIE tun! Schlampe!“ oder „So eins will ich auch“. Die Mutter denkt: „Der macht das besser als sein Alter“ oder „Warum die wohl alle so blöd gaffen?“. Das Baby denkt: „Gibt’s hier auch was Kaltes? oder was mit Geschmack?“ oder „Ich möchte zahlen, ich hatte Säule 2“. Der MM-Verkäufer denkt: „…“ oder „…?“. Ich dachte bloss „Kleiner Tittengrabscher“ und bin weiter in die obere Etage, wo ich einen Ausverkauf von CD’s und DVD’s erwartete. Und fand. Auf der Fläche von einem halben Quadratmeter. Leicht verwirrt ob der unsäglich geringen Menge an Angebot, wandte ich mich an eine Verkäuferin mit einem halbgaren Gesichtsausdruck und fragte, wo sich denn das Ausverkaufsangebot befinden würde. Sie wies mich dann diskret darauf hin, dass sich die von mir gesuchte Warenveräusserung in Dietikon befinden würde. Nun muss man wissen, dass es im Raum Zürich genau ZWEI Mediamärkte gibt und zwar den einen in Dietikon und den anderen in Dietlikon. Ah, man merke den Unterschied. Die beiden liegen genau auf entgegengesetzten Seiten von Züri. Lustigerweise waren wir noch eine halbe Stunde vorher knappe fünfzig Meter vom MM Dietikon entfernt beim Stau umfahren. Da dachte man sich noch „Boah, schade ist der Verkauf nicht hier“. Ja, ja. Wiederum eine halbe Stunde später stand ich dank einer sehr verständnisvollen autofahrenden Freundin wieder in Dietikon und betrachtete die Auslagen mit CD für zwei Franken und DVD für neun neunzig.
Meine Augen begannen fast zu tränen, nur leider nicht aus dem Grund, dass ich unauffindbar geglaubte Schätze zu Tage beförderte. Au contraire! Filme, die den Namen TRASH noch verdienen. Ohne Umweg über den Player. Kennt jemand „Galaxina“? Oder „Angriff der Saurierminiaturen“? Und wer Sharon Stone einmal ohne Unterwäsche gesehen hat (also ALLE), dem gibt „Quatermain Teil 1 und 2“ auch nicht das grandiose Erlebnis. Ausser die Erkenntnis, dass ein Original immer noch besser ist als eine billige Kopie. In den Musikkisten waren Kleinode zu finden, die grundsätzlich unter verschärfte Waffenscheinpflicht zu stellen wären, also Sachen, mit denen man jemandem weh tun kann. David Häschendoof war da noch die Spitze des Eisbergs, der musikalisch gesehen nicht nur die Titanic sondern ganz England, woher sie auslief, hätte versenken können. Ein Titel hat es mir besonders angetan: „Music where ya can make love to ya ole Lady“. Das Bild darauf zeigte einen schmierigen, brousthaartoupierten Bontempiorgelspieler, offensichtlich mit Klamotten aus einem mallorquinischen Billig-All-Inclusive-Ferienlager ausgestattet. Vielleicht war der Heini auch ehemaliger Handtuchhalter an der Copacabana und ist wegen widerrechtlichem Benutzen eines Beckens (und ich rede nicht von einem Schwimmbecken) aus dem Land manövriert worden. Irgendwie hätte mich ja schon interessiert, wie diese Klangkonserve sich am Trommelfell vergreift, aber mir fiel grad keine Person ein, die ich genug hasse, um sie anschliessend damit zu beschenken. Warum summe ich jetzt „Girls from Ipanema“? Ist das hier ein Fahrstuhl?