Das "Tage"-Buch historisch und hysterisch
Die ollen Krümel von früher
Ich verstehe Fussball nicht. Ja, ich weiss, ich bin männlich, aber das hat hier offensichtlich null Auswirkung. Ich verstehe Fussball nicht nur nicht, ich find’s auch doof. Wie Formel 1 und Boxen auch. Ich weiss auch nicht so sehr viel drüber, ausser dass es zwei Mannschaften gibt, zwei Tore, einen Ball, der in besagte Tore befördert werden muss und ein Arsch in schwarz, das bunte Kärtchen verteilt, über die sich aber niemand freut. Ein Kaffeekränzchen am Sonntag Nachmittag könnte die Abseitsregel glaubhafter erklären als ich. Trotzdem bekommt man natürlich aus Zeitungen oder Fernsehen immer mal wieder was mit. Dann zum Beispiel, wenn extrem viele Frauen alleine unterwegs sind. Dann muss Weltmeisterschaft sein oder was in der Art. Dann mutieren die männlichen Teile unserer Spezies zu chipsfressenden, biersaufenden, gröhlenden Neandertalern und starren auf die Glotze. Hm, eigentlich verhalten sie sich also nicht viel anders als sonst, bloss sind die dann in den Farben ihres favorisierten Vereins gekleidet. Eine Art Rudelverhalten schaltet sich ein und das Alpha-Männchen hält die Fernbedienung umklammert. Bei dem was ich so mitbekomme, sind die Spieler auf dem Feld eigentlich nur bunt angezogene Figürchen, die zu aberwitzigen Preisen von einem Land zum andern und von einem Verein zum andern verkauft werden, Hauptsache, jeder verdient kräftig dabei. Die müssen auch nicht wirklich fussballspielen können, denn wenn sie verlieren wird der Trainer gefeuert. Der einzige, der beim Verlieren gar nicht an den Ball durfte. Kürzlich fand ich nach dem Sieg einer schweizer Mannschaft (soll’s tatsächlich geben) gegen einen ausländischen Gegner (wobei, was heisst ausländisch, normalerweise spielen in einer Mannschaft sowieso neunzig Prozent ausländische Spieler) eine Schlagzeile, wo der Trainer in allen Tönen hoch gelobt wurde. Er sei ein neuer Nationalheld. Irgend so ein Scheiss. Unser einziger Nationalheld hatte nur zwei Schüsse und die hat er 2:0 versenkt, einen im Apfel, den zweiten im Landvogten. Nichts mit Rückspiel. Ausser vielleicht die darauf folgenden Befreiungskriege (damals haben wir noch jeden Fight gewonnen). Was nun aber, wenn die Mannschaft das nächste mal verliert? Dann ist der Trainer eine unfähige Pfeife, wird einmal durch den Dreck gezogen und entlassen. Dafür kauft man einen neuen Spieler aus Afrika oder Südamerika, bezahlt achtzehn Gazongillionen dafür und protzt rum. Ach ja, ein neuer Trainer muss her. Natürlich nimmt man wieder einen alternden Spieler, der vor vierzig Jahren mal bei einer WM auf den Rasen rotzen durfte, aber die Alten haben ja so viel Erfahrung und wissen alles besser. Also kann man da nur gewinnen. Wenn nicht, dann sitzen noch eine Menge Senioren auf den Ersatzbänken. Neben den heulenden Schiedsrichtern, die depressiv werden, weil keiner sie mag. Vielleicht würde es helfen, wenn sie statt Rot oder Gelb diese kleinen neckischen Pin-Up-Bildchen verteilen würden. Jaja, ich weiss, ich hab keine Ahnung…
"Jaja, ich weiss, ich hab keine Ahnung…"
Das merkt man ;-)
Nur Uneingeweihte halten Fußball für "irgendsoein Spiel wo es um Geld geht", in Wirklichkeit ist Fußball ein Sinnbild für das Leben als solches, ach was sag‘ ich, für den Lauf der Welt …
Zwischen Anpfiff und Abpfiff offenbart sich der ganze Kosmos, Anfang und Ende, Sieg und Niederlage, Aufbau und Zerstörung – alles drin. Für 90 Minuten reduziert sich die Komplexität des Seins auf ein Ziel: Das Runde muß ins Eckige!
Und es ist die ultimative Konfrontation mit der Grausamkeit der Realität und der gnadenlos verrinnenden Zeit: Nach 90 Minuten ist Schluß, verloren ist verloren, gewonnen ist gewonnen, daran ist nichts mehr zu rütteln.
Sind wir nicht alle Stürmer die versuchen in den 90 Minuten unseres Lebens den Ball ins Tor zu hauen, und sind wir nicht alle Torhüter die versuchen die harten platzierten Bälle des Schicksals zu fangen bevor sie im Netz hinter uns einschlagen?
Hast Du jetzt endlich verstanden worum es geht? ;-))
…*g*…geil…Philosophisch höchst anregende Interpretation unserer Existenz an sich…
*keksumknuddel*
DU SPRICHTS MIR JA SOWAS VON AUS DER SEEEEEEEELEEEEEE! *g*
@ralle: Wow, soviel wohlformulierte Poesie um so ein (m.E.) banales Spiel. Man ist fast versucht, beim nächsten Spiel im TV mal zuzuschauen. Aber da wird wahrscheinilch nix draus, Sport mach ich lieber, als ihn zu gucken. So werden mir die philosphischen Tiefen von Fussball wohl weiterhin verborgen bleiben.