Weisse Haube des Friedens

Unsere Familie war schon immer für Lacher gut. Wenn beispielsweise beim weihnächtlichen Familienfondue der Pott kippt und sich die ganze Bouillon in amazonesken Windungen auf den am Tischende eingezwängten keks zu sonnenuntergangsähnlichem Oberschenkelleuchten verhilft. Aber alle finden das gar nicht so schlimm, schliesslich hatte ich ja schon Erfahrung darin, mich mit kochender Milch zu übergiessen. Humor ist, wenn man’s trotzdem macht. Oder wenn mein Bruder auf meine Schwester aufpassen muss und den Kinderwagen mit selbiger eben mal einen hundertfünfzig Meter langen Hang hinunterrollen lässt. Nicht bis zum Ende der Strasse, die beschrieb unten dann nämlich eine Kurve. Im Gegensatz zum Wagen, da diese nicht mit Steuerung ausgelegt waren und sind. Aber das ist doch nicht tragisch. Kinder! Schliesslich kann man später als Ausgleich dem Bruder eine Schere in die Hand stecken. So sind wir. Kranke Brüder und Schwestern.

Apropos: Vor kurzem machte die amerikanische Turnschuhmarke Skechers Werbung mit Xristina „Döati“ Agwileera. Ist das richtig? Kann man das so schreiben? Oder muss es Sneakermarke heissen? Wurscht. Die Kampagne war eigentlich ganz witzig und Christina war jeweils pro Motiv in zwei Posen abgelichtet. Solltet ihr animierte GIFs unterdrückt haben, seht ihr den Stein des Anstosses wahrscheinlich nicht, weil hier tut sich nämlich was. Das irre war dann nämlich, dass diese Werbekampagne aus dem Verkehr gezogen werden musste, aber nicht etwa wegen den üblichen Feministinnen und Sexisminnen, sondern – Motiv 3 – wegen dem Krankenschwester und -brüd… -pflegerverband. Die fanden nämlich, diese Darstellung von Krankenschwestern (darf man glaub ich bei uns auch schon nicht mehr sagen, sondern „Pflegende“ heisst das) würde das Schwesternhäubchenklischee noch mehr implizieren als es ohnehin schon der Fall sein.

Schlimm. Es könnte ja jemand auf die Idee kommen, die Weisskittelchen KÖNNTEN attraktiv sein. Wie furchtbar. Was für eine grässliche Hoffnu… Vorstellung! Was ist so falsch daran, wenn in uniformierten Berufen das Gerücht umgeht, dass sich darunter durchaus leckere Personen verbergen. In New York wurde eine Polizistin entlassen, weil sie sich für den Playboy nackig gemacht hatte. Warum? Weil das vielleicht die Kriminalitätsrate gepusht hatte? Weil jeder Ganove hoffte, von IHR festgenommen zu werden (und ein Autogramm auf der Mittelseite verlangen könnte)? Übrigens schwärmen Frauen auch dauernd von Männern in Uniform. Wäre das so schlimm, wenn Patienten mit Freude in ein Spital gehen würden, mit der möglichen Aussicht auf eine Schweste*rrrrrr* statt auf eine osteuropäische Exringerin mit Bullenspritze? Er soll wenigstens mit Freude HIN! Wenn er dann nackig ans Bett geschnallt ist, dann ist es für Olga noch früh genug.

Überhaupt stelle ich es mir angenehmer vor, wenn Krankenhausaufenthalte umgestylt würden, mehr so im Sinne Club Medizinanée mit Animateuren-Atmosphäre. Die Preise bewegen sich im ähnlichen Rahmen, warum also die Angelegenheit nicht aufpeppen? Beim Eintritt bekommt man ein Blumenkränzchen umgehängt und einen Kontrastmittelshake mit Pseudo-Erdbeergeschmack. Kann ich abgrundtief empfehlen und es verbindet das Grausame mit dem Nützlichen. Die Aufnahmeprozedur würde analog dem Check-In gestaltet, man müsste Fragen beantworten, wie die, ob man den Koffer selber gepackt hat oder Mami und gibt als Erstes die Nagelschere ab, schliesslich haben nur die Ärzte mit scharfen Gegenständen zu hantieren und damit meine ich nicht die Lack- und Leder-Schwestern.

Wer mehr als einmal per Krankenwagen angeliefert wird, der erhälft Frequent Flyer Meilen gut geschrieben und während man auf dem Rollbett aufs Röntgen wartet, schiebt die Radiologieassistentin ein kleines Wägelchen durch den Gang und ruft „Djuti Friii! Djuuti Friii!“. Neben dem Sitzbad platziert man geschickt eine Plastikpalme und an der Zimmerwand kommen die übriggebliebenen Südsee-Fototapeten aus den Siebzigern zum Einsatz. Der hauseigene Radiosender bietet die Auswahl zwischen Aloha-Gewinsel oder Kiffer-Mucke aus der Karibik. Was tut man nicht alles, um ein gewisses Wohlfühlgefühl zu erzeugen. Schmerztabletten wirken übrigens viel besser, wenn sie mit einer Piña Colada verdünnt werden. Und wenn dann der wunderschöne Aufenthalt zu Ende ist, kann man die liebgewonnene Umgebung über eine ausrangierte Flugzeug- oder Kreuzfahrtdampfergangway verlassen. Sollte man dabei aus Versehen ausrutschen, ab die Post wieder rein und eine Bonusmeile abstauen. Einfach so und mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Aktuell im Ohr: Gerald McMann – Cry Little Sister (Theme from The Lost Boys)