Das "Tage"-Buch historisch und hysterisch
Die ollen Krümel von früher
Mir ist ein Dokument in die Finger gefallen, das ich im vorigen Winter im Schreibkurs als Übung erstellt habe. Das Thema war: Schreiben Sie eine schwarze Geschichte. Aha, nun gut, machen wir das doch mal. Und weil ich grad nichts besseres zu tun habe, hinterlasse ich die hier zur Ansicht und Einsicht ohne Absicht.
Unbekanntes
Ich lag am Boden und Finsternis umfing mich. Ich wusste nicht, wo ich war, oder wie ich dort hin gekommen war. Mein Gedächtnis war wie ein schwarzes Loch, das alle Erinnerungen in sich gesaugt hatte und mir nichts weiter liess als das die reine Ratlosigkeit. In meinem Kopf hatte sich Schmerz breit gemacht, meist düster pochend, doch hinter der Stirn wie Blitze. Doch vermochten diese nur die Düsternis hinter meinen Lidern zu erhellen. Was davor lag, war ein lichtloses Nichts. Weit öffnete ich meine Augen, versuchte einen Hinweis auszumachen, wo ich mich befand. Aber es blieb schwarz um mich herum. Langsam versuchte ich zu ertasten, woraus meine Umgebung bestand. Unter mir kalter, feuchter Boden, neben mir Holzkisten und die glatten Oberflächen von Flaschen.
Ich wollte mich aufrappeln, doch traute ich mich kaum, denn ich wusste ja nicht, wie weit ich mich erheben konnte, ohne mir den Kopf zu stossen. Hinter mir erklang ein Rascheln aus dem undurchdringlichen Dunkel, ein Rascheln und ein Nagen. Ein Nagen, das in der Stille hier einen monströsen Klang bekam. Furcht frass sich wie ein eisig kalter Strom schwarzen Wassers durch meine Sinne. Ich sprang trotz der unbekannten Umgebung auf, wollte mich umdrehen und weglaufen, doch wohin? Ich konnte nichts sehen. Verzweifelt drehte ich mich um mich selbst. Was war das? Ein Schatten? Ich riss die Augen noch weiter auf. Dann sagte mir ein kleiner Teil meines Bewusstseins, dass ich keinen Schatten gesehen haben konnte, denn um Schatten zu werfen war Licht erforderlich. Licht gab es hier aber ganz bestimmt nicht. Ich begann zu schwitzen und frieren gleichzeitig.
Mit einem lauten Knacken, das mich herumfahren liess, öffnete sich hinter mir eine Tür und ein breiter Lichtstrahl zerschnitt die Dunkelheit, die mich umklammert hatte. In der Tür stand ein Mann. Gegen den hellen, in den Augen schmerzenden Hintergrund wirkte er wie die Verkörperung des grossen schwarzen Mannes, mit dem man die kleinen Kinder zu erschrecken pflegte.
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollest das Licht anmachen, wenn du in den Weinkeller gehst! Die Rohre hängen sehr tief!“ fuhr mich mein Vater ungeduldig an. „Nimm endlich den Pinot Noir und komm!“ Ich fasste mir an die Beule auf der Stirn. Nun fiel mir wieder ein, wo sich diese grauenerregende Schwärze befand: In unserem Keller. Ich schaute beschämt und noch etwas benommen zu Boden. Die kleine, schwarze Maus, die dort sass, schien mich zu verspotten. Spott, der wie Pech an mir kleben blieb. Ich trottete ans Licht und wischte mir den Staub vom schwarzen Hemd.