{"id":737,"date":"2005-11-19T20:30:13","date_gmt":"2005-11-19T18:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kay-x.net\/gmwp\/?p=737"},"modified":"2009-09-02T15:33:21","modified_gmt":"2009-09-02T13:33:21","slug":"der-erste-schnee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kay-x.net\/gmwp\/2005\/11\/19\/der-erste-schnee\/","title":{"rendered":"Der erste Schnee"},"content":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich, von Freitag auf Samstag hat es bis zu uns runter geschneit und es ist liegen geblieben. Nur auf den Wiesen zwar, aber immerhin, es war weiss am Morgen, Puderzucker auf dem Landschaftskuchen. Die fallenden Bl\u00e4tter der letzten Wochen waren auch schon ein Hinweis darauf, dass sich das Jahr dem Ende n\u00e4hert, aber jetzt ist es wohl offiziell, dass es einwintert. Man muss sich damit abfinden, dass geplante Aktivit\u00e4ten wie Freibad, Rollschuhlaufen oder Parkbanksitzen, die man sich zwar vorgenommen, aber nicht durchgef\u00fchrt hat, besser auf n\u00e4chstes Jahr verschoben werden sollten. Jaja, mach ich noch, ist ja noch ein paar Wochen warm. Platsch. Schnee. Enden k\u00f6nnen unerwarteter eintreffen als man denkt. Man nimmt sich etwas vor, man plant und dann kommt alles anders, weil einem pl\u00f6tzlich die Zeit oder das Wetter fehlt. Warum tut man es nicht einfach? Keine Zeit? Kein Mut? Man schreibt es in den Kalender und schiebt und schiebt es weiter, weil irgendwann kommt schon der richtige Zeitpunkt. Aber wie erkennt man den richtigen Zeitpunkt? Was ist, wenn es pl\u00f6tzlich keine Zeitpunkte mehr gibt? Steht man an der Himmelspforte und Petrus guckt uns an und sagt: &#8222;Du kannst rein, aber deine hundertseitige To-Do-Liste bleibt draussen&#8220;.<\/p>\n<p>Gut, es muss ja nicht gleich da rauf gehen (oder runter), aber wissen wir es? Andere Menschen setzen sich in eine Bar und starren in ein halb leeres Bierglas (in DEM Moment ist es NICHT halb voll) und melancholisieren vor sich hin. Ich lass es an euch aus, aber da m\u00fcsst ihr jetzt durch. Also, warum? Verpassen wir da nicht m\u00f6glicherweise etwas Grandioses, wenn wir rausschieben? Ich habe letzten Silvester eine Wette abgeschlossen, dass dieses Jahr mein erster Roman fertig wird und ich habe diese Woche bekannt gegeben, dass die Wette als verloren gelten wird, weil ich nicht fertig werde. Nicht, dass ich es nicht gekonnt h\u00e4tte, ich habe es rumgeschubst. Ich weiss nicht warum. Angst? Angst, dass das Buch tats\u00e4chlich beendet wird und ver\u00f6ffentlicht wird? Dann stelle ich fest, dass ich mich dem \u00f6ffentlichen Vergleich stellen muss, Kritiken einstecken muss, mit denen ich nicht umgehen kann. Keiner ausser ein paar Hardcorelesern kauft es. Es wird zerrissen. Es wird gelobt. Es wird \u00fcberhaupt nicht beachtet. Es steht in einem Regal und es kommt an.<\/p>\n<p>Ist es das, wovor ich Angst habe? Dass etwas GUT wird? Zeitweise kommt es mir so vor, dass wir inzwischen so gedrillt sind, dass wir mit Gl\u00fcck gar nicht richtig umgehen k\u00f6nnen. Einfach hinnehmen k\u00f6nnen, wenn es nicht beschissen l\u00e4uft. Oder erwarten wir zuviel? Von uns? Von anderen? Ist ein Ding vielleicht einfach das, was es ist, wir h\u00e4tten es aber gerne MEHR und machen es dadurch kaputt? M\u00fcssen wir uns erst dar\u00fcber klar werden, was wir eigentlich wollen und womit wir zufrieden sein k\u00f6nnten oder nicht nur zufrieden sondern gl\u00fccklich? Ehrlich sein, sich selber gegen\u00fcber und den Menschen um uns herum gegen\u00fcber. Ja, ja, mach ich, ist ja noch Zeit. Vielleicht. Was aber, wenn ich das, was ich sagen will, nie mehr sagen kann? Vielleicht h\u00e4tte ich zwei Menschen gl\u00fccklich machen k\u00f6nnen, vielleicht aber eine Erwartung und Hoffnung zerst\u00f6rt. Aber ich h\u00e4tte es nicht weggedr\u00e4ngt. Klarheit. Auch hier wieder, keine Zeit oder kein Mut. Angst vor dem, was kommen kann. Warum f\u00e4llt es uns so leicht, einem Menschen &#8222;Arschloch&#8220; an den Kopf zu werfen, aber nicht &#8222;ich hab dich gern&#8220;? Weil wir das nicht gewohnt sind. Wir k\u00f6nnen damit gar nicht umgehen, behaupte ich jetzt mal so ganz locker. Oder wir k\u00f6nnen nicht mit der Antwort umgehen.<\/p>\n<p>Wenn wir jemanden beleidigen, brauchen wir nicht aus der Deckung zu kommen, das ist wie Wasserbombenwerfen vom Balkon. Man schaut kurz \u00fcbers Gel\u00e4nder und wirft. Beim \u00dcberreichen von Blumen steht man dem Empf\u00e4nger gegen\u00fcber und man steht da und ist hilflos. Eine Katze, die auf dem R\u00fccken liegt. Dann ist das Gegen\u00fcber dran und nun mal ehrlich, wer w\u00fcrde sich als Katze auf den R\u00fccken legen und hoffen, die andere Katze&#8230; \u00e4hm&#8230; Person krault einem den Bauch? Aber bleiben wir bei den Blumen. Variante eins: Der Strauss landet in unserem Gesicht. Klare Aus- und Absage. Variante zwei: Das Gegen\u00fcber landet in unserem Gesicht: Klare Aus- und Zusage. Variante drei: Unbestimmtes L\u00e4cheln. Gar nichts Klares. Das w\u00e4re also in der Bilanz eine Zweidrittelm\u00f6glichkeit, dass es nicht so endet, wie in unserem Traumdrehbuch. Dass die Gegenseite alles ganz anders sieht. Also liegt es doch nahe, dass man ganz einfach den Blumenstrauss in den Kalender schreibt und schiebt. Und schiebt. Und schiebt. Bis der Winter kommt und der Strauss erfriert. Dabei h\u00e4tte der\/die Beschenkte einfach gel\u00e4chelt und gedacht &#8222;Mist, das stand doch auch noch in meinem Kalender&#8220;. Vielleicht. Vielleicht nicht. Haben wir mehr Angst davor, dass es in die Hose geht oder dass es gut gehen k\u00f6nnte? Wir wissen es nicht und zwar so lange nicht, bis wir den Zeitpunkt gefunden haben und es rausfinden. Entweder wir oder das Gegen\u00fcber. Irgendwann. Vielleicht noch bevor der letzte Schnee f\u00e4llt.<\/p>\n<div class=\"music\">Aktuell im Ohr: Ich &amp; Ich &#8211; Dienen<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich, von Freitag auf Samstag hat es bis zu uns runter geschneit und es ist liegen geblieben. Nur auf den Wiesen zwar, aber immerhin, es war weiss am Morgen, Puderzucker auf dem Landschaftskuchen. 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