{"id":511,"date":"2003-10-06T10:16:08","date_gmt":"2003-10-06T08:16:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kay-x.net\/gmwp\/?p=511"},"modified":"2003-10-06T10:16:08","modified_gmt":"2003-10-06T08:16:08","slug":"zugzwang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kay-x.net\/gmwp\/2003\/10\/06\/zugzwang\/","title":{"rendered":"Zugzwang"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Morgen, ich w\u00e4lze mich unter St\u00f6hnen aus dem Bett und verweigere konsequent das Angebot, ins B\u00fcro gefahren zu werden. Ich f\u00fchle mich beim \u00f6ffentlichen Verkehr wohl und dank extrem dichtem Fahrplan gibt es so gut wie keine Wartezeiten. Ich kann lesen, Leute beobachten und Musik h\u00f6ren, wenn ich nicht dauernd vergessen w\u00fcrde, meinen Walkman zu suchen und einzupacken. Und ich kann an Haltestellen oder Bahnh\u00f6fen durch Kioske und L\u00e4den st\u00f6bern, um die Stapel ungelesener Magazine zu Ausmassen wachsen lassen, die den Petronas-Towers die Neidesgr\u00fcne ins geb\u00e4udische Gesicht treibt. Guten Mutes verlasse ich also morgens das warme Bett, die warme Wohnung und mit dem Gedanken &#8222;H\u00fct isch es aber frisch&#8220; den Gedanken an eine warme Realit\u00e4t. Ist ja nun nicht so, dass mir dieser Gedanke noch nie durch den Kopf geschossen w\u00e4re, ein paar Minuten sp\u00e4ter wird&#8217;s einem dann ja auch warm. Aber heute lief alles ein bisschen anders. Der Bus kam p\u00fcnktlich, ich hatte meinen Sitzplatz und konnte lesen. Beim ersten Umsteigen fuhr mir das gr\u00fcne Tram direkt vor der Fresse weg, aber das war ja noch okay, weil mit dem Zwanzignachsiebenbus passiert das immer. Also denke ich mir, dass auch das rote Tram seinen Zweck erf\u00fcllt und ich dann eben an einem anderen Bahnhof umsteige, als dem hauptigen. Das Tram fuhr los, ich hatte meinen Sitzplatz und konnte lesen. Dann am Stadelhofen umsteigen, kurz den Kiosk entern und nichts zu lesen finden, was ich nicht schon hatte, nicht wollte oder mir zu peinlich war. Weil es heute doch einen Tick k\u00fchler war als gedacht und weil meine Jacke zwar gut gegen Regen ist (es aber nicht regnet) aber nicht gegen K\u00e4lte (die war vorhanden), g\u00f6nnte ich mir einen Coffee-to-go. Dann stand ich auf dem Perron (=Bahnsteig) und las. Aber nicht etwa eine Zeitschrift, sondern die Anschrift &#8222;ca. 15 Minuten Versp\u00e4tung&#8220;.<br \/>\nNun hatte sich meine K\u00f6rpertemperatur schon ganz sachte reduziert, weil, wie ich sp\u00e4ter erfuhr, die Konkurrenz des Herrn F\u00f6hn, n\u00e4mlich die Frau Bise heute t\u00e4tig ist und deshalb ziemlich penetrant die Kleider mit kalter Luft penetriert. F\u00fcnfzehn Minuten sind ja nun noch nicht so tragisch, also ab in den n\u00e4chsten Kiosk, man weiss ja nie. Am Wegesrand lag dann noch ein Postkarten- Schr\u00e4gstrich Kalendershop, an dem ich nat\u00fcrlich nicht unbehelligend vorbeischlendern konnte und so brachte ich die Wartezeit auch rum. Zur\u00fcck auf dem Perron (hat nichts mit Evita zu tun) kam dann die lautsprecherdurchsagte \u00c4nderung der Anschrift: &#8222;Unbestimmte Zeit Versp\u00e4tung&#8220;. Lokomotive kaputt im Tunnel. Grunds\u00e4tzlich kann ich von Z\u00fcrich nach Arbeit drei verschiedene S-Bahnlinien benutzen. Murphym\u00e4ssig m\u00fcssen die alle durch genau diesen speziellen Tunnel. Also Wechsel zur anderen Seite des Bahnhofs und Wechsel der Linie, um wenigstens zum Hauptbahnhof zu kommen, wo denn auch ein Bus in die gew\u00fcnschte Richtung fahren w\u00fcrde. Also ab in den Zug, f\u00fcnf Minuten kuscheliger Stehplatz in megam\u00e4ssiger \u00dcberf\u00fcllung (ja irgendwie m\u00fcssen die Leute ja weiter), was aber nicht extrem zur Erh\u00f6hung der Hautfl\u00e4chenoberw\u00e4rme beigetragen hat. Z\u00fcrich. Ziemlich kalt. Aber die Frisur h\u00e4lt. Versp\u00fcrte den dringenden Wunsch, eine tragbare Heizung zu kaufen oder mich zumindest in den Hintern zu treten, weil ich entgegen sonstigem Ritual nicht den Wetterbericht konsultiert hatte, um meine Kleidung den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Da kam dann aber die Durchsage, dass nun doch eine S-Bahn in meine Richtung fahren w\u00fcrde. Also rein und Sitzplatz und lesen. Grade als ich einigermassen warm wurde, musste ich nat\u00fcrlich wieder in die Luft raus und mich zur Bushaltestelle begeben, die ich eigentlich nur nutze, wenn sonst nichts mehr geht. Also wie heute. Erstaunlicherweise kam ich ohne Pr\u00fcgelei zu einem Sitzplatz (alte Frauen wegschubsen gilt nicht als Pr\u00fcgel) und konnte fast zwei Stationen weit lesen. Hat sich nur keine(r) neben mich gesetzt, das w\u00e4re bestimmt w\u00e4rmer gewesen. Nach einer Stunde und vierzig Minuten sitze ich jetzt aber doch im B\u00fcro, habe kalte F\u00fcsse und freue mich auf meinen Tee. Eine Stunde l\u00e4nger als sonst. Zumindest weiss ich jetzt, wie sich Odysseus damals gef\u00fchlt hat. Unter Ber\u00fccksichtigung der Unterschiede in den Punkten lesen und frieren. Und Schiffchen fahren. Und notgeile zaubernde Weiber. Kann man sich jetzt fragen, wer schlimmer dran war.<\/p>\n<div class=\"music\">Aktuell im Ohr: noch nichts, kommt aber gleich<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Morgen, ich w\u00e4lze mich unter St\u00f6hnen aus dem Bett und verweigere konsequent das Angebot, ins B\u00fcro gefahren zu werden. Ich f\u00fchle mich beim \u00f6ffentlichen Verkehr wohl und dank extrem dichtem Fahrplan gibt es so gut wie keine Wartezeiten. 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