{"id":173,"date":"2002-09-11T21:28:05","date_gmt":"2002-09-11T19:28:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kay-x.net\/gmwp\/?p=173"},"modified":"2002-09-11T21:28:05","modified_gmt":"2002-09-11T19:28:05","slug":"fahrt-ins-grune-blaue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kay-x.net\/gmwp\/2002\/09\/11\/fahrt-ins-grune-blaue\/","title":{"rendered":"Fahrt ins gr\u00fcne Blaue"},"content":{"rendered":"<p>In Briefk\u00e4sten finden sich die verschiedensten Papiererzeugnisse: Postkarten (gut), Rechnungen (b\u00f6se), Hochglanzmagazine (guuut), unverlangte Zeitungen (b\u00f6se), Einladungen zu Kaffeefahrten (bingo!). Vor ein paar Jahren h\u00e4tte ich mich beinahe mit Freunden zu sowas angemeldet um ein bisschen Investigativjournalismus zu betreiben, aber wir waren wohl doch nicht besoffen genug. Deshalb habe ich mir eben solchiges Ereignis von Bekannten und Verwandten schildern lassen. Aber zuerst zur oben erw\u00e4hnten Einladung, \u00fcblicherweise im Format DIN-A5, dunkelgr\u00fcne Basisfarbe und dann mit vielen Bildchen bedruckt, die meistens so klein sind, dass die Zielgruppe dieser Fetzen schon gar nichts erkennen kann ohne Verwendung grosskalibriger Leselupen. Meistens ein Reisebus, viele Blumen und ein schicker Bauernhof, ab und zu auch mal ein See oder Viecher, die durch Putzigkeit das Rentnerherz h\u00f6her schlagen lassen sollen (oder weil es zu Mittag Rehpfeffer gibt und man zeigen will, wo&#8217;s herkommt). Gross prangt meistens ein absoluter Spottpreis drauf, weil im Alter hat man ja nicht viel Geld und ein superg\u00fcnstiger (normalerweise ist er nicht g\u00fcnstig sondern billig) Ausflug kommt wie gerufen um dem Muff der heimischen Schrank- oder Wohnwand (D oder CH) zu entkommen. Von hier aus ist das dann sehr beliebt, den Schwarzwald heimzusuchen, also man f\u00e4hrt ins Ausland, da hat man gleich noch die Exotik dazu, inklusive dieser Schwarzwaldtrachten mit den roten Kn\u00f6deln auf den Frauenh\u00fcten. Ich dachte mal, auch Peinlichkeit h\u00e4tte ihre Grenzen, aber so kann man sich irren. Wenn man nun an dieser Fahrt teilnimmt, bekommt man Spass, Spannung und was zu Essen, also eine Oldie-\u00dcberraschung, plus irgendwelche Goodies, die man auf dem wundersch\u00f6nen Bauernhof, den man besucht FRISCH entgegen nehmen kann, alles inklusive! Das sind dann zum Beispiel ein Laib FRISCHES Bauernbrot, drei Dutzend FRISCHE Eier, einen FRISCHEN Hinterschinken oder gar einen FRISCHEN Bauern himself. Alte Leute k\u00f6nnen gar nicht so viel essen, wie sie da mitbekommen, bevor es verdirbt. Aber den FRISCHEN Apfelmost im edlen Steinkrug, den k\u00f6nnen sie saufen. Das macht die Fahrt auch gleich viel unterhaltsamer. Der Mitgr\u00f6hlfaktor bei der im Bus gespielten Musik geht auch gleich bis unter die Wagendecke hoch, wobei die Musikstile sehr reduziert sind: Deutscher Schlager oder Volksmusik. Nun muss ich anf\u00fcgen, dass Kaffeefahrten in der Schweiz noch etwas hardcorer sein m\u00fcssten als in Deutschland. Ich weiss nicht viel \u00fcber deutsche Volksmusik, aber unsere Senioren-Hood hier fr\u00f6nt noch dem Genuss der most krass Version of Volksmusic die es gibt: Dem L\u00e4ndler. Umgangssprachlich hier auch Hudig\u00e4ggeler genannt. Schrille Sache, je nach Kanton tun sich da verschiedene Spielarten, beziehungsweise sadomasochistische Abgr\u00fcnde auf. F\u00fcr Vertr\u00e4glichkeit muss man wohl l\u00e4ngere Zeit in h\u00f6heren Regionen mit d\u00fcnner Luft gelebt haben. In dem Kanton, wo ich gem\u00e4ss Geburtsschein beheimatet bin, der nennt sich Appenzell (kleiner Bergkanton in der Ostschweiz mit genialem K\u00e4se, aber kleinen H\u00e4uschen in denen sich jeder durchschnittlich gewachsene Mensch die Stirn zertr\u00fcmmert), da stehen zum Beispiel ein paar M\u00e4nner in Trachten nebeneinander. Sie stecken ihre H\u00e4nde in die Hosentaschen, schieben ihre B\u00e4uche nach vorn und juchzen und jauchzen, was sich f\u00fcr Aussenstehende anh\u00f6rt, als w\u00fcrde ihnen konstant jemand die Eier klemmen. Daneben steht einer mit einer flachen Sch\u00fcssel und schwingt darin ein F\u00fcnf-Franken-St\u00fcck (F\u00fcnfliber bzw. Foifliber bzw. F\u00f6\u00f6fliiber) und erzeugt ein sirrendes Ger\u00e4usch. Ein weiterer Typ steht dahinter und schmeisst eine Schweizer Fahne in die Luft und versucht dabei, sich beim Auffangen nicht selber zu erschlagen. Es k\u00f6nnen auch mehr Geld- und Fahnenschwinger sein oder sie werden noch malerisch durch Alphornbl\u00e4ser verziert, wobei die eher in anderen Teilen der Schweiz auftreten. Zumindest ist der dabei entstehende Sound unterhalb einer gewissen Altersgrenze nur auf Appenzeller Kr\u00e4uterschnaps zu ertragen. Einer MENGE davon. Zur\u00fcck zur Kaffeefahrt, denn da fehlt noch etwas, n\u00e4mlich das Kleingedruckte: &#8222;Durch die Teilnahme an dieser Reise verpflichten Sie sich dazu, eine Produktevorf\u00fchrung der Firma Abzock GmbH \u00fcber sich ergehen zu lassen, bzw. Ihre Seele zu verkaufen&#8220;. Oder so \u00e4hnlich, was beides aber fast auf das Gleiche rausl\u00e4uft. Dieser Produktevorf\u00fchrung folgen die Reisenden dann nicht nur, nein, die hypnotische Beschwatzungskraft der charismatischen und ach so witzigen Verk\u00e4ufer gipfelt darin, dass alle so eingelullt sind vom Gefasel der Anbieter, wie sie es kurz darauf sind, n\u00e4mlich in der frisch erworbenen Heizdecke in Holzf\u00e4lleroptik. Auch Mumientoaster genannt. Aber auch Badewannensprudeleins\u00e4tze zur Massage oder Furztarnung sind immer wieder Renner. Oder Wundermittelchen zum Einreiben bei Rheuma. Die funktionieren ganz genial: Man reibt sich das ein und das Zeug stinkt so barbarisch, dass man sofort vor sich selber wegrennen will und SIEHE ICH KANN WIEDER GEHEN! Funktioniert! Ach ja, das Schneidebrettchen mit echter Schwarzw\u00e4lder Schnitzerei war auch umsonst. Damit k\u00f6nnen sich die Damen und Herren an die Stirn kloppen, weil sie so doof waren, die Tour mitzumachen. Wie schon im Monat zuvor. Und in dem davor&#8230;<\/p>\n<div class=\"music\">Aktuell im Ohr: Hocico &#8211; Instincts of Perversion(definitiv NICHT kaffeefahrtentauglich)<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Briefk\u00e4sten finden sich die verschiedensten Papiererzeugnisse: Postkarten (gut), Rechnungen (b\u00f6se), Hochglanzmagazine (guuut), unverlangte Zeitungen (b\u00f6se), Einladungen zu Kaffeefahrten (bingo!). 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