Wattebäuschchen
Jetzt bin ich verärgert. Das war nun schon das zweite Mal innerhalb einiger Wochen, in denen man mir Zuckerwatte vorenthält. Oder weitweghält. Das letzte Mal war, als ich abends noch nach Zürich rein bin, um in einer Bar ein bisschen zu chillen und (zugegeben) zu kucken. Da selbige Bar (und alle im erreichbaren Umfeld) einen Männeranteil von 95 Prozent und die 5 restlichen bereits männliche Belegung aufwiesen, versuchte ich mein Glück am Bellevue, weil dort Riesenrad und Maktstände aufgebaut waren, wovon einer mit Zuckerwatte. Alles bis auf den stand auch noch. Kein Gewatte. Gegenüber bei Mövenpick standen knapp dreissig Leute um Eis an, da war ich dann doch zu Recht gefrustet statt gefrostet. Heute ist in Zürich Knabenschiessen und nein, wir schiessen weder auf noch mit Knaben. Das ist ein Schützenfest für Jugendliche, vergleiche mit früheren Berichten im Archiv.
Dieser Anlass war, so sagt es mein angeschlagenes Gedächtnis, rummelmässig an mehreren Orten präsent, wie es die Herbstmesse in Basel immer noch ist. Hat zwar indirekt nur perifer etwas miteinander zu tun, aber ich schleime mich auch gerne bei Baslerinnen ein. Also fahre ich dorthin, wo ich einen Zuckerwatteständer erwarte. Leider befinden sich nicht alle Ständer im am gleichen Ort, der jetzt nämlich nicht. Da stand ein Zirkus. Was eventuell natürlich auch, aber in diesem Falle nein, weil die waren noch im Aufbau begriffen. Also mit dem Tram zur nächsten zu erwartenden Position des luftigsüssen Zeugs. Nichts. Und zum eigentlichen Festgebiet beim Schützenhaus wollte ich dann auch wieder nicht, weil das war mir zu weit weg. Man wird ja älter. Was also nun? Selber machen?
Zuckerwatte war für mich immer schon ein Faszinosum. Da nimmt man also dieses Zuckerwattestäbchen rührt damit durch eine Metallschüssel in der auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigte Zuckerkörnchen pulverisieren und in Watteform sich um den Stab verdichten. Warum erklärt einem DAS in Physik keine Sau? Nebenbei möchte ich erwähnen, dass sich Nebel und ZuWa nicht vertragen. Das schrumpft ähnlich schnell wie in kaltem Wasser ein… ähm… Also Watte selber machen. Da steh ich also mit einem Sack Zucker und einem Holzstäbchen vor meiner Waschmaschine, es muss schliesslich metallen und rotierend sein. Denkfehler, meine Waschtrommel lässt sich nur starten, wenn die Tür zu ist und dann kann ich aber nicht mit dem Stöckchen rühren. Hm. Warum eigentlich überhaupt den Umweg über den komplexen molekularen Aufbau gehen?
Wenn ich Schokomilch haben will, ich aber nicht mehr alle Tassen im Schrank sondern in der Spülmaschine habe, dann löffle ich doch auch Nesquik in mich rein und kippe Milch hinterher. Dann noch etwas Housemusik auflegen und kurz danach hat die Schüttelei das Mischverhältnis optimalisiert. Geht auch mit Tütensuppe, nur ist dort das heisse Wasser etwas problematisch. Aber zurück zur SadoMaso-Hardcore-Zuckerwatte-Herstellung: Einen Sack Zucker kippen, einen Besenstiel in den Hintern und in einen Zementmischer legen. Fünf Minuten auf höchster Stufe wirbeln und voilà! Man geht dann zwar ein paar Tage etwas breitbeinig, aber soviel sollte einem das wert sein. Ach ja, noch ein kleiner Tipp. Wer gerne Popcorn mag, aber sich nicht Stunden später noch das Fitzelzeugs aus den Zähnen zutzeln will: Eine Tüte Maiskörner schlucken und ab ins Solarium. Aber mitte Mund zu halten, sieht sonst aus wie Trockentollwut.
Ein halbes Jahr ist in die Lande gezogen und mit steter Regelmässigkeit kommt sie wieder, die Kampagne von Tally. Diesmal kann ich jedoch sagen und dies auch mit gutem Gewissen, ich habe weder das Tram verpasst, noch bin ich die Treppe rauf- oder runtergestolpert. Ich habe mir nichts getan. Es ist nichts passiert. Gar nichts. Fast. Also nicht wirklich der Rede wert. Also ich das Poster zum ersten Mal in einer Rollwerbung gesehen, das sind diese Wechselplakate, die rauf- und runterrollen, damit in einem Aushangkasten zwei bis drei Motive wechselnd gezeigt werden können. Also am Hauptbahnhof komme ich die Treppe runter und da macht es vor mir WUSCH! Am Morgen in der Frühe, da waren die Augen aber offen.